Blühende Exoten im Garten für die heimische Tierwelt- ein Widerspruch?

Bei der Auswahl der Pflanzen für den eigenen Garten machen sich immer mehr Menschen Gedanken darüber, wie sie den Schutz von Artenvielfalt integrieren können. Wir haben uns näher damit beschäftigt, auf welche Weise neben heimischen Pflanzen auch exotische Gewächse einen Beitrag dazu leisten können.

Artenvielfalt und Bestäubungsbiologie

Wie hängen nun Artenvielfalt und die Auswahl der Pflanzen zusammen? Viele Blütenpflanzen und blütenbesuchende Tierarten eines Lebensraumes haben sich über lange Zeiträume aneinander angepasst und brauchen einander. So kann es sein, dass durch das Vorkommen einer bestimmten Pflanzenart auf einen Schlag dutzende von Bestäuberarten gefördert werden, umgekehrt können diese Bestäuberarten durch das Fehlen der Pflanze plötzlich verschwinden.

Exotische Blütenpflanzen sind in der Regel für die ansässige Fauna als Futterquelle und Lebensraum weniger nutzbar als einheimische – soweit kennen wir das kleine Einmaleins der Ökologie. Doch das trifft nicht auf alle Arten gleichermaßen zu. Wie sehr eine Pflanze mit ihrer Umgebung vernetzt ist, hängt von verschiedenen Anpassungen ab, wie Gregor Dietrich von „Natur im Garten“ in einem spannenden Vortrag bei den „9. Internationalen Fachtagen Ökologische Pflege“ in Langenlois erklärte. Welche das sind und warum es keinen Grund gibt, pauschal und völlig auf den Glamour der prächtigen Exoten im Garten zu verzichten, darüber berichten wir in den folgenden Zeilen.

 

Lotus Blume - Exoten im Garten

Generalisten und Spezialisten

Betrachtet man die Koevolution von Blütenpflanzen und ihren Bestäubern, das heißt, ihre parallele Entwicklung, werden zwei Hauptstrategien deutlich: Die eine scheint, flexibel zu sein und von möglichst vielen verschiedenen Bestäuber- oder Futterarten profitieren zu können. Diese Alleskönner nennt man Generalisten. Ein Beispiel ist die Honigbiene (Apis), die mit ihren saugend-leckenden Mundwerkzeugen sehr verschiedene Blüten besuchen und auch bestäuben kann. Auf der anderen Seite gibt es die Spezialisten: Sie nutzen den Vorteil, durch sehr spezifische Merkmale eine bestimmte Tier- oder Pflanzengruppe konkurrenzlos an sich zu binden. Hier wären als Beispiel die Spiralhornbienen (Systropha) zu nennen, die als Nahrungsquelle unbedingt Winden (Convolvulus) brauchen. An diesen Beispielen lässt sich gut erkennen, wie sich der Grad der Spezialisierung auf die Überlebenschance einer Art auswirken kann: Die Honigbiene ist als Bestäuberin eines der wirtschaftlich bedeutsamsten Nutztiere, während die wenigen Arten der Spiralhornbiene allesamt gefährdet sind, denn ihre Futterpflanze wird als Unkraut bekämpft.

Was bedeutet das nun für die Exoten im Garten? Grundsätzlich gilt: Je spezialisierter eine Pflanze ist, desto weniger Tiere können von ihr profitieren. Unspezifische exotische Blüten stehen oft den heimischen unspezifischen Blüten in ihrer Nutzbarkeit kaum nach. Bei hochspezialisierten exotischen Pflanzen hingegen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie von gar keinem hiesigen Tier genutzt werden können.

Farbe

Als Beispiel für hochspezialisierte exotische Pflanzen, die für die heimische Tierwelt wertlos sind, dient die Gilde der Vogelblumen (Als „Gilde“ wird in der Biologie eine Gruppe bezeichnet, die unabhängig von ihrer Verwandtschaft ähnliche Merkmale entwickelt hat). Sie werden nur von Kolibris und Nektarvögeln besucht, die bei uns nicht vorkommen. Dazu gehören ausgerechnet einige der farbenprächtigsten roten Gartenblumen wie die Kardinalslobelie (Lobelia cardinalis) oder die Montbretie (Crocosmia). Warum ist leicht zu erklären: Die Farbe ist ein ganz wesentliches Spezialisierungsmerkmal in der Bestäuber-Blütenpflanzen-Beziehung. Vögel können rot sehr gut wahrnehmen, während die meisten Insekten rot nicht sehen. Insgesamt profitieren Insekten oft eher von den (für unsere Augen) weniger knallig gefärbten Blüten, denn ihr Wahrnehmungsspektrum ist in den ultravioletten Bereich verschoben.

Blütenform

Neben der Farbe ist die Blütenform für die Nutzbarkeit einer Pflanze entscheidend. Hochspezialisierte Blüten sind oft zweiseitig symmetrisch. Sie haben tiefe Schlünde, Röhren oder andere faszinierende Mechanismen entwickelt, um einzelnen Insekten zu ihrem Pollen und Nektar Zugang zu verschaffen und andere auszuschließen. Das bekannteste exotische Gehölz, das für seine unwiderstehliche Wirkung auf Tagfalter geschätzt wird, ist der Schmetterlingsstrauch (Buddleia davidii). Die sogenannten „maskierten Blüten“ wie etwa Löwenmäulchen (Antirrhinum) beschränken den Zugang für ihre Besucher durch einen Klappmechanismus: zu große und zu kleine Tiere müssen draußen bleiben. Streukegelförmige Blüten (außer Borretsch) geben wiederum ihren Pollen nur bei einer ganz bestimmten Vibration ab, wie sie nur der Flügelschlag von Hummeln oder eine 440 Hz-Stimmgabel erzeugen können. Es gibt viele radiärsymmetrische Blüten, die unspezifisch und deren Nektar frei zugänglich für viele Tiere ist, wie etwa bei den Doldenblütern (Apiaceae), den Laucharten (Allium), oder der Wolfsmilch (Euphorbia).

Blütenprodukt und Duft

Blüten, die vornehmlich Pollen produzieren, sind oft unspezifisch und leicht für viele Besucher erreichbar, auch ohne langen Rüssel oder spezielle Flugkünste. Auch Käfer oder Ohrwürmer und Hummeln profitieren von ihnen. Die Blüten der Ölblumen haben zwar hohen Zierwert, jedoch ist Lysimachia die einzige Gattung, die von mitteleuropäischen Bienen besucht wird, wobei es überhaupt nur eine einzige Art in Europa gibt, die wirklich ölsammelnd ist. Am Duft lässt sich meist schwer erkennen, ob eine exotische Pflanze für die heimische Fauna von Nutzen ist, denn viele Pflanzen, die duften, sind Täuschpflanzen. Sie imitieren nur andere Arten, wie zum Beispiel das Rote Waldvöglein (Cephalantera rubra) die Glockenblume, ohne den Bestäubern wirklich Nektar oder Pollen zu bieten. Ganz sicher ist die Blüte nicht für die heimische Tierwelt nützlich, wenn sie nach gärenden Früchten riecht, denn dann handelt es sich um eine Fledermausblume. Dazu zählen Engelstrompeten (Brugmansia) und Glockenrebe (Cobaea scandens).

Fazit

Um wirklich sicher zu sein, welche exotischen Pflanzen für die heimische Ökologie wertvoll sind, muss man schon Bestäubungsbiologie studiert haben. Es gilt die Faustregel: Je unspezifischer, desto eher profitiert die heimische Flora. Würde man jedoch allein auf dieser Grundlage den Garten bepflanzen, ließe man dabei alle hochspezialisierten Tiere und Pflanzen außer Acht, und damit jene, die am Dringendsten unseres Schutzes bedürfen. Soll der Garten also der Artenvielfalt dienen, können durchaus exotische Arten darin ihren Platz finden, es sollten aber auch bei uns einheimische Pflanzen vertreten sein. Die Mischung macht’s.

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